Femizide, die keine sein sollen

„Beziehungsdrama“, „Familiendrama“, „Sexmob“ und „Bluttat“. Was sich nach Schlagwörtern für den nächsten schlechten TV-Krimi anhört, sind sexistische Wortschöpfungen der Medien für die Beschreibung von Gewalttaten gegenüber Frauen*.

Nach aktuellen Angaben des Bundeskriminalamtes wurden im vergangenen Jahr knapp 140.000 Menschen, davon 82 % Frauen, von ihren Partner*innen oder Ex-Partner*innen misshandelt oder bedroht. Dabei wird alle 2 bis 3 Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet, allein 2017 gab es 147 Todesfälle. Die Studie des Familienministeriums von 2014 zeigt, dass jede vierte Frau sexuelle und/oder körperliche Gewalt durch den (Ex-)Partner* erfahren hat. Mehr als jede zweite Frau* wurde mindestens einmal im Leben sexuell belästigt. Millionen Frauen* weltweit haben im Rahmen der #metoo-Debatte ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt veröffentlicht. Eigentlich sollte spätestens seitdem allen klar geworden sein, dass es sich bei Gewalt gegen Frauen* nicht um Einzelfälle handelt. Ja, wie gesagt, es sollte allen klar sein.

Dass das Gegenteil der Fall ist, sehen wir bei unseren täglichen Medienscreenings. Tötungen von Frauen* werden nicht als das bezeichnet, was sie sind: Femizide. Frauen* sterben, weil sie Frauen* sind. Sie werden von den (Ex-)Partnern, den Vergewaltigern oder den Vätern umgebracht. Das wird dann als Familiendrama, Eifersuchtstragödie oder Bluttat bezeichnet. Außerdem findet eine starke Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen* statt, indem Vergewaltigung sprachlich mit Sex gleichgesetzt wird.

Um unseren Beitrag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen* zu leisten, möchten wir anhand einiger Beispiele aus unserer noch viel größeren Sammlung auf die mediale Verharmlosung von Gewalttaten an Frauen* aufmerksam machen.

Familien- und Beziehungsdramen

Die Täter sind die Söhne, die Ehemänner oder die Partner. Frauen* sterben und das ganze wird als Familien- oder Beziehungsdrama verharmlost. Dass Gewalt kein Drama, sondern das verdammte Patriarchat ist, fällt leider komplett unter den Tisch.

1_180401_Frankfurter Rundschau_Familiendrama
2_180606_Bild_Familiendrama
3_181019_Welt_Beziehungsdrama
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Gewalt ist kein Sex

Dass Gewalt gegen Frauen* verharmlost wird, sollte eigentlich jeder Person auffallen, sobald das Wort “Sex” im Kontext von Gewalt vorkommt…

…zum Beispiel wenn eine Frau* erst vergewaltigt und dann umgebracht wird und der Täter dann als “Sex-Mörder” bezeichnet wird. Ich glaube, mir fällt kein hypothetischer Fall ein, bei dem diese Bezeichnung passend und angemessen ist.

4_180418_Bild_Sexmörder
9_181027_Deutsche Welle_Sex-Skandal
7_180511_SZ_Sexmob
6_181102_Radioregenbogen_Sextäter
8_181103_Welt_Vergewaltigung mit Sex beschrieben
Titelblatt der TZ München mit Schlagzeile

Bluttat, Blutbad

Dass Bild und Co. durch reißerische Überschriften versuchen, möglichst viele Klicks zu bekommen, dürfte für Viele nichts Neues sein. Vermutlich wird genau aus diesem Grund auch der Begriff “Bluttat” verwendet, anstatt die Themen zu politisieren, indem das ganze als Femizid bezeichnet wird.

11_180606_Focus_Bluttat
13_180615_Stern_Bluttat
12_180613_Bild_Bluttat
14_181108_Bild_Blutbad

Was wir von den Medien wollen?

Wir fordern, dass Gewalt gegen Frauen* nicht weiter von den Medien verharmlost wird. Wir fordern, dass Gewalt gegen Frauen* nicht weiterhin als eine Anreihung von Einzelfällen dargestellt wird. Wir fordern, dass Gewalt gegen Frauen* immer im Kontext von strukturellem Sexismus genannt wird. Wir fordern, dass Gewalt, die sich gegen Frauen* richtet, entsprechend kriminalstatistisch erfasst wird, und dass Bagatellisierungen ein Ende nehmen.
Wir fordern, kritische Berichterstattung, statt Täter*innenperspektive.  Mehr Informationen findet ihr in unserem Forderungspaket.

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