„The Vagina Bible“ oder was Instagram mit Empowerment zu tun hat …

Agnes Hunyadi ist die Initiatorin von The Vagina Bible, eines der größten Blogazine zu Popfeminismus und Empowerment im deutschsprachigen Raum. Wir haben uns gefragt: Was hat Instagram eigentlich mit Empowerment zu tun und was treibt Agnes ganz persönlich an? Wir haben mit ihr gesprochen.

Foto: The Vagina Bible, Agnes Hunyadi

 

Wir folgen Dir schon seit längerem und finden Deinen Content und Deine Initiative irre gut.

Dankeschön! Und die Freude ist ganz meinerseits. Ich beobachte euch schon seit den Anfangstagen und kann euch nur gratulieren, was ihr schon die Beine gestellt habt und ich bin schon sehr gespannt, was ihr noch schaffen werdet. Dass ich ein Teil davon sein darf, freut mich sehr <3.

Erzähl doch mal, was bewegte Dich dazu, das Projekt „The Vagina Bible“ zu starten und was sind Deine Anliegen dabei? Was sind die Inhalte?

Das Projekt ist noch recht jung und ich hatte damals die Social Media Kanäle von The Vagina Bible (kurz: TVB) neben einem stressigen Vollzeitjob und parallel zu vielen anderen feministischen (offline) Projekten gestartet. Es ging aber sehr schnell und plötzlich war es das größte Blogazine zu Popfeminismus und Empowerment im deutschsprachigen Raum. Mittlerweile melden sich auch viele Menschen weltweit und ich bin froh, zu helfen und online zu beraten. Hoffentlich wird auch die Website bald fertig und ihr könnt euch auf viele tolle Aktionen freuen.

Der Grundgedanke war damals, intersektionalen (Pop-)Feminismus in deutschsprachigen Ländern mehr Raum zu geben. Dazu kann man mir auf Facebook folgen, wo ich eher Content aus der DACH Region poste, der mit gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun hat und Auswüchse von Ungerechtigkeiten oder Ungleichheiten zwischen allen Geschlechtern aufzeigt. Auf Instagram, wo ich oftmals humoristisch versuche, tiefer in die Materie einzugehen, versuche ich zu empowern und Frauen* zu stärken. Für mich beginnt #genderequality bei jede*r zu Hause vor dem Spiegel. Der Umgang mit Dir selbst, wie Du mit Dir und deinem Körper sprichst und Dir begegnest, ist ausschlaggebend dafür, wie wir anderen Menschen begegnen, welche Normen wir vorausschicken und am Ende des Tages, wie wir mit anderen kommunizieren.

Was ist deine Motivation?

Als Diplom-Psychologin will ich mit TVB aufzeigen, wie wir uns gegenseitig motivieren können (#endgirlhate). Neben dem möchte ich, dass wir die imperativen Vorstellungen von gesellschaftlichen Rollen endlich mal hinter uns lassen. Denn sie haben im Laufe der Zeit nur die Aufschrift am Etikett geändert, aber kommen aus der gleichen Ecken und wirken auf Frauen* und Männer* mit den gleichen Mechanismen. Ich möchte schädliche Konstrukte und Erziehungsmodelle aus den Köpfen aller rausbekommen, damit wir frei entscheiden können, wie wir unser Leben lebenswerter gestalten können. Ohne Labels, wie wir zu sein haben, möchte ich Wissen und Werkzeuge bereitstellen, damit wir über unser Denken und Handeln frei reflektieren können. Diesen Weg gehe ich aber mit den Follower*innen gemeinsam, denn ich will meine Perspektiven challengen und möchte selbst noch laufend dazulernen. Denn was ist schon eine “richtige Frau*”? Was ist überhaupt weiblich? Do what the fuck you want, queens!

Foto: Screenshot Instagram, The Vagina Bible

 

Wie definierst Du persönlich „Feminismus“?

Feminismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene Richtungen und Weltanschauungen. Diesen bunten Blumenstrauß von radikalen bis liberalen Feminist*innen, von queeren bis biologistischen, von ProPorn bis Anti-Porn oder von akademischen bis aktionistischen Feminist*innen zusammen zu halten ist eine enorme Herausforderung. Als Feminismus-Influencerin der 4. Welle bedeutet Feminismus für michs Chancengleichheit aller Geschlechter und das Einstehen für eine faire und lebenswerte Gesellschaft für alle. Mein Feminismus lässt Frauen* tun was und sich kleiden, wie sie es wollen. Kämpft Schulter an Schulter mit allen, nicht nur mit Cis-ters, und gebt das Mikrofon an andere ab, die nicht so oft zu Wort kommen. Dieser Feminismus muss sich auch die Frage gefallen lassen, wie die Gesellschaft Frauen* weltweit in Gedanken und Handlungen​​ ​​benachteiligt und kann sich daher nicht auf die jeweiligen Länder begrenzen.

Besonders auf Instagram bin nur ich ein kleines gallisches Dorf, wenn meine Beiträge gerade mal 1 Million mal pro Woche gesehen werden. Die #TVBfamilie ist eine kleine, aber starke Community, die von Tag zu Tag größer wird.

Ich will dort Bilder und Klischees zu Körpern und Äußerlichkeiten sprengen um den Tonnen von unrealistischen und krank machenden Schönheitsidealen auf Instagram entgegen zu stehen (#effyourbeautystandards).

Bist Du Idealistin?

Den (unrealistischen) Idealismus meiner Teenagertage habe ich leider hinter mir gelassen. Ich war eine starke Sozial-Romantikerin und es wollte mir nicht einleuchten, warum so viel Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen bei uns aber auch weltweit herrschen. Heute bin ich etwas geläutert, meine Studien und Weiterbildungen und meine sozialen Engagements haben mich verändert. Viele Mechanismen habe ich durchschaut, andere akzeptiert und manche Strukturen, die sehr einfach zu bekämpfen sind, will ich aktiv angehen und alle einladen mitzumachen. Also, ein bisschen Idealismus ist sicher noch da, ich weiß nur eher, wo Grenzen bestehen und wann Einladungen keinen Sinn mehr machen.

Wie gehst du mit Rückschlägen und Verletzungen um?

Rückschläge gab es bisher keine, aber mein Start mit TVB war sehr holprig und ich wurde von Feminist*innen sehr viel angefeindet. Bis heute bekomme ich genauso viele Hassnachrichten von Sexist*innen oder misogynen Menschen, wie auch aus dem vermeintlich „inneren Kreis“. Von queeren Feminst*innen wurde ich aufgrund des Projektnamens TVB als TERF beschimpft und angefeindet, von radikalen Feminst*innen bin ich aufgrund meines liberalen Feminismus belächelt, (ungefragt) belehrt und forsch zurechtgewiesen worden.

Ich kann immer wieder nur dazu aufrufen, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen. Ich verweise da immer auf das Konzept der gewaltfreien Kommunikation, da Social Media im Speziellen, aber digitale Kommunikation im Allgemeinen, an jeder Ecke für Missverständnisse Fallen bereitstellt.

Was denkst du, wie lange brauchen wir noch, bis wir in einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft angekommen sind ?

Der Global Gender Gap Report vom Weltwirtschaftsforum hat 2016 die Gleichstellung der Geschlechter in 170 Jahren prognostiziert, 2017 sind es bereits 217 Jahre. Diese Rückwärtsentwicklung sehen wir an Kinderspielzeug oder Kleidung gut, da diese früher nicht in rosa und blau getrennt waren. Besonders perfide empfinde ich Lebensmittel wie Chips für Frauen* oder Taschentücher für Männer* – wo hört das bitte endlich auf?

Und obwohl ich weiß, dass viele Feminist*innen schon müde sind, wie ich selber: Wir müssen wir uns leider gedulden, denn wir reden von patriarchalen Strukturen, die hunderte bis tausende Jahre gewirkt haben. Frauen* und Männer* kommen weder von anderen Planeten, noch sind sie im Verhalten und Denken nach allen gängigen Studien grundsätzlich unterschiedlich. Im Gegenteil, uns eint mehr, was uns trennt. Ergo gibt es keinen Grund dafür, dass Macht, Ressourcen, Geld und unentgeltliche Arbeit so unterschiedlich verteilt sind in der Gesellschaft. Gehen wir es an!

Foto: Screenshot Instagram, The Vagina Bible

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Was kann jede*r Einzelne dafür tun, dass weniger Diskriminierungen stattfinden? 

Alles beginnt damit, dass man sich der eigenen Privilegien bewusst wird. Und dies am besten in allen Lebensbereichen. Daher lest viel, hört Podcasts, schaut euch Videos an und beginnt damit euer engsten Umkreis für Inhalte zu sensibilisieren. Der Teufel liegt bekanntermaßen im Detail und es können bereits kurze Gespräche oder Diskussionen die Welt von manchen nachhaltig verändern. Werdet aktiv, mischt euch ein, werdet laut, wenn notwendig, und das nicht nur in eurem Familien- oder Freund*innenkreis, sondern auch wenn ihr was auf der Straße beobachtet oder euch im Job auffällt. Jede*r einzelne der Gesellschaft trägt Verantwortung und dieser müssen wir nachkommen. Das Private ist schon längst politisch und mit Augen verdrehen wurde noch nichts verändert. Diese Verantwortung bedeutet aber auch, dass wir mit jenen Menschen in den Diskurs gehen, die augenscheinlich am anderen Ende des Meinungskontinuums liegen. Fatal finde ich, diesen Menschen von oben herab zu begegnen. Auch jenen Menschen, die sich vermeintlich als Feminist*innen bezeichnen, aber vieles nicht fertig denken. Schenken wir Ihnen Zeit, Kraft und Wissen, denn wie wollen wir sonst für ein Lauffeuer der Veränderung sorgen?

Woher nimmst du deine Inspirationen?

Mein Partner und mein Umfeld holt mich oftmals aus der Feminismus-Bubble raus und dafür bin ich sehr dankbar. Gelebte Wirklichkeiten sind sehr komplex und oftmals ein weiter Graubereich. Als Feministin 4.0 ist meine Quelle zum Gutteil aber im Social Media zu finden. Da kann ich jede*r die Empfehlung geben kleinen Accounts zu folgen, die euch nicht vordergründig irgendwas verkaufen wollen. Es gibt so viele junge Menschen, die Wissen und Informationen liefern, wie @fembroidery, @yugodeinesvertrauens, @ffabae, @immer.mxde und viele mehr. Herzlichen Dank auch auf diesem Weg dafür! Und wenn euch manche Inhalte aufrütteln oder an eure Grenzen bringen: ja, es tut kurz weh, wenn beispielsweise das Privilegien-Pflaster als Spiegel vorgehalten und dann ruckartig abgerissen wird, aber anders können wir uns nicht weiterentwickeln. Geht die Extrameile!

Hast du einen Buchtipp?

Schwierige Frage. Meine Leseliste ist bereits ellenlang und wird von Monat zu Monat noch länger. Richtige Pageturner und Klassiker der Fem*Literatur sind so ziemliche alles von Laurie Penny, Margarete Stokowski und Chimamanda Ngozi Adichie. Auf meinem Bücherstapel neben dem Bett ist ganz oben „Why I’m No Longer Talking to White People About Race“ zu finden und ich glaube, dass jede*r diese Buch lesen sollte!

Zwei tolle Neuerscheinungen möchte ich auch jede*r ans Herz legen: die tolle Hanna Herbst hat über Feminismus geschrieben („Feministin sagt man nicht“) und die Sorority haben einen wunderbaren Band zusammengestellt, der uns helfen soll bei Gesprächen gut zu kontern („No More Bullshit).

Foto: The Vagina Bible, Agnes Hunyadi

 

Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir hier und jetzt wünschen?

Was für eine gute Frage! Die Auswahl auf drei fällt wirklich schwer, aber ich versuche bei den Wünschen mal gesamtgesellschaftlich zu denken:

Bildung, Bildung, Bildung: Ich würde mir zuerst die dringend notwendige und schon ewig ausstehende Schulreform wünschen, die nicht nur zeitgemäßen Methoden der Wissensaneignung ermöglicht, sondern auch moderne Inhalte vermittelt. Schule, so wie wir sie kennen, hat sich in über 100 Jahren nicht verändert. Ich wünsche mir Schulbücher, die fernab von Stereotypen arbeiten und allen Schüler*innen Perspektiven bieten. Ich höre oft, dass erst beginnend mit der Schullaufbahn die starke Trennung zwischen Mann* und Frau* geebnet wird. Das muss aufhören!

Make kindness great (again)! Könnten wir bitte nicht Macht verherrlichen, sondern Held*innen des Alltags zu Vorbildern machen? Als Anhängerin der positiven Psychologie würde ich mir wünschen, dass Kinder und junge Erwachsene Karmapunkte anstatt Likes auf Social Media sammeln. Ich will T-Shirts mit der Aufschrift „You CAN sit with us“ sehen und Großzügigkeit und Warmherzigkeit zu einer erstrebenswerten Tugend machen. Deswegen be nice, it’s the new cool 🙂

Grundeinkommen für schutzbefohlene Gruppen: Die Statistiken sprechen eine traurige und schockierende Sprache. Frauen* verdienen im Schnitt 20% weniger, Alleinerziehende und deren Kinder, müssen an der Armutsgrenze oder darunter ihr Leben bestreiten und am Ende erhalten Frauen* noch 40% weniger Pension als Männer*. Ich würde mir wünschen, dass Regierungen jenen Gruppen ein Leben ermöglicht, das lebenswert und würdevoll ist. Wir wissen, dass Armut nicht nur vererbt wird, sondern der Nährboden für Stress, Krankheiten und Gewalt ist. Sie schürt Hass und Missgunst. Sie sucht nach Sündenböcken und schafft eine Stimmung, die Angst als Motor antreibt. Eine ängstliche Gesellschaft kann nichts Gutes hervorbringen und lässt uns zu unzufriedene Robotern in unseren quadratischen Nestern vereinsamen. Könnten wir das für ein und für allemal abschaffen?

Die Interviewfragen stellte Chrissi.

Für mehr feministische Kunst, Aktivismus und Empowerment in Social Media: Folgt unbedingt „The Vagina Bible“ auf Instagram und Facebook.

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