Dates gegen Amokläufe! Oder warum Frauen Schuld haben, wenn sie umgebracht werden

Am Freitag den 18.05.2018, erschoss wieder ein Junge in den USA neun seiner Mitschüler*innen, und zwei seiner Lehrerinnen an einer High School in Texas. Man könnte über Waffen, die NRA, oder toxische Maskulinität reden. Aber es scheint, manche von uns, sind noch nicht so weit.

Ach BILD, manchmal seid ihr wirklich so nah dran, es zu kapieren – und dann kommt die nächste AngstHassTitten-Keule direkt hinterher. Wenn nach einem Amoklauf herauskommt, dass eine Abfuhr oder eine Trennung ein (Teil)motiv für eine Tat sein könnte, gibt es wirklich vieles, worüber wir reden sollten. Nur das hier, das gehört nicht dazu:

Worüber wir reden sollten: zuallererst darüber, welche abartige Denkweise Männern vermittelt wird, dass sie ein einfaches “nein” nicht akzeptieren. Oder fast noch schlimmer: Sie glauben, wenn eine Frau einfach keinen Bock auf sie hat, es würde ihre Ehre (und nein, hier meinen wir nicht “den Ehrenmord”) verletzen. Keine Frau steht einem Mann zu und Gewalt wird niemals eine gute Lösung für eine Abfuhr sein.

Vielleicht sollten wir auch darüber reden, was das mit dem Männlichkeitsbild unserer Gesellschaften zu tun hat. Situationen, in denen eifersüchtige, gekränkte oder gemobbte Frauen die Waffe zücken, sind nämlich im Vergleich sehr selten. Liegt es daran, dass Frauen in solchen Fällen die Schuld erst mal bei sich suchen? Daran, dass sie Männer, auch wenn sie ihnen die Schuld geben, nicht so schnell tot sehen wollen? Daran, dass Gewalt kein universell verständliches Mittel darstellt, der Welt zu zeigen „seht her, ich bin eben doch eine richtige Frau“? Daran, dass sie Mädchen und jungen Frauen weniger als Zeitvertreib verkauft wird und damit weniger als naheliegende Lösung erscheint?

Es sind durchgeknallte Mörder und keine gekränkten Liebhaber

Ich weiß es nicht, aber wo ein entsprechender tragischer Anlass besteht, wäre es höchste Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Es wäre auch Zeit, über Lösungsansätze zu sprechen – vom Erkennen von und Umgang mit Gewalt bis zu Gesetzen, die es durchgeknallten Mördern möglich machen, mit einer Schusswaffe zur Schule zu kommen. Wofür das allerdings sicher nicht die Zeit ist: eine weitere Message nach dem Strickmuster „Frauen, wenn ihr mal gemacht hättet, was Männer von euch wollen, wäre euch das nicht passiert.“

Die ätzende Wahrheit, in drei Punkten

Erstens: Das ist Bullshit. Egal, wie oft jemand zu einem potentiellen Amokläufer „ja“ sagt, irgendjemand wird immer die erste Person sein, die „nein“ sagt. Ein Leben ohne Enttäuschungen gibt es nicht, und wenn jemand als Antwort darauf zur Waffe greift, ist das der Teil, über den wir reden sollten.

Zweitens: Diese Aussage funktioniert nur in einer beschissenen heterosexistischen und frauen*feindichen Gesellschaft. Ich habe jedenfalls noch nie eine Überschrift gesehen, die nahelegt, ein Täter hätte zur Waffe gegriffen, weil seine Eltern ihn nicht in die Disco lassen oder seine Kumpels ohne ihn zocken wollten.

Drittens: Solche Überschriften tragen dazu bei, dass Frauen, die Beziehungsgewalt erfahren, noch weiter unter Druck gesetzt werden. Jedes „eine Ablehnung könnte ein Grund für Gewalt sein“ ist auch ein „was hast du gemacht, um dazu beizutragen, dass du Gewalt erfahren hast.“ Und mal nebenbei: eine weitere mögliche Antwort auf die Vergewaltigungsopfern gern gestellte Frage „Warum hast du nicht (früher/deutlicher) nein gesagt?“

Liebe BILD, es ist sowas von durchsichtig, wie ihr Sexismus und Rassismus gegen einander abwägt, wo sie nicht praktischerweise Hand in Hand gehen. Ob eine Tat ein „Familiendrama“ oder ein „Ehrenmord“ ist, darüber entscheiden Hautfarbe und Religion des Täters. „Ist das Frauenbild der Texaner ein Problem“ – titelte keine Zeitung ever. Und wenn der Täter einer von „den Anderen“ war – bloß keine Chance verstreichen lassen, daran noch mal zu erinnern.

Unsere Medien sind, für die meisten ganz unbewusst, von patriarchalen Denkmustern und toxischer Maskulinität geprägt. Nicht nur BILD denkt, dass Mord etwas mit Liebe zu tun hat. Zuletzt konnte man auch eine ähnliche Schlagzeile bei stern.de finden. Um in unserer Gesellschaft etwas zu ändern, müssen wir endlich da hinsehen, wo es am meisten wehtut. Und das ist ironischerweise genau auf die (jungen) Männer, die in ihrer Enttäuschung, ebenso wie die Medien, lieber auf die Opfer, statt auf die Ursachen blicken.

Rebecca

Unsere follower*innen sind da übrigens ein ganzes Stück weiter. Hier ein paar unserer best-ofs. Wir danken euch <3

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