Gewonnen! Was wir mit dem Preisgeld vorhaben und wie Sexismus und Hate Speech zusammenhängen

Andi Weiland / Das NETTZ

 

„Frauen* sind mit am meisten von Hassrede im Netz betroffen. Sexistische print- und online Medien befeuern und legitimieren diese Hetze. Die Folgen sind Diskriminierung, Belästigungen und Gewalt – online und offline.“ Mit diesem Pitch und unserer Arbeit, die wir während des zweitägigen Community-Events von Das NETTZ – der Vernetzungsstelle gegen Hate Speech – in verschiedenen Workshops vorstellen konnten, haben wir den ersten Platz des Förderpreises gewonnen.

#UnfollowPatriarchy war eines von 10 Projekten, die sich in der finalen Runde in Berlin um den Förderpreis 2019 bewarben. Der Förderpreis wird seit 2017 jährlich auf der NETTZ-Community-Veranstaltung verliehen, um Initiativen zu unterstützen, die Hassrede entgegenwirken. Denn, so schreibt Das NETTZ auf seiner Seite, „Hate Speech im Netz ist zu einem gesellschaftlich breiten und dringlichen Thema avanciert“.

NETTZ Förderpreis Plakat / Gender Equality Media e.V.

Mit #UnfollowPatriarchy decken wir medialen Sexismus auf, konfrontieren die verantwortlichen Journalist*innen persönlich und fordern Verbesserungen, vor allem auf Twitter (@gem_ev_). Als Grundlage screenen wir dazu täglich die größten Medien Deutschlands. Um diese Arbeit aber noch effizienter zu machen, wollen wir nun ein neues Tool ausprobieren. Darum wird das Förderpreisgeld die Programmierung eines Webcrawlers fließen, der uns dabei hilft, systematisch Belege für medialen Sexismus zu sammeln.

Der Zusammenhang von medialem Sexismus und online Hate Speech

Private Medien sowie die öffentlich-rechtliche Presse genießen auch im digitalen Zeitalter, trotz einem reichen Nebenangebot, ein vorherrschendes Informationsmonopol. Über ihre Repräsentation in sozialen Netzwerken sowie Kommentarfunktionen bieten sie Menschen ein Forum für den Austausch von Ideen und Informationen und tragen zur öffentlichen Debatte sowie Meinungsbildung bei. Somit stärken sie auch Demokratie und Vielfalt. Das klingt alles schön und gut. Aber viele Medien kommen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach, da sie regelmäßig Frauen* und marginalisierte Gruppen unterrepräsentieren, objektivizieren und diskriminieren. Sexistische und rassistische Berichterstattung hält somit das Patriarchat aufrecht; sie unterstützen die gesellschaftliche Unterordnung und Diskriminierung von  Frauen* offline und online.

Wer bekommt Hate Speech ab?

Dass sich die gesellschaftlichen Strukturen unserer offline-Realitäten viel zu oft auch in unseren digitalen Welten widerspiegeln, ist spätestens seit letztem Herbst eine traurige Gewissheit. Damals veröffentlichte Amnesty International als erste Internationale Menschenrechtsorganisation eine Studie zu online Hate Speech gegen Frauen*. Laut dieser Studie werden fast 1/4 der Online-User*innen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Hate Speech. Jede* zehnte ist dabei unter fünfzehn Jahre alt. Frauen*, welche sich im digitalen Raum besonders laut gegen die patriarchalen Strukturen wehren, sind dabei überdurchschnittlich oft betroffen. Hassredner*innen zielen darauf ab diese Frauen* sowie Mitlesende zum schweigen zu bringen, einzuschüchtern, zu beschämen und zu demütigen. Der Grund dafür? Die Angreifer sehen sie als Gefahr für die Aufrechterhaltung des Patriarchats, also jenem System, von welchem sie als Männer selbst bevorteilt werden. Leider sind diese respektlosen und teilweise rechtswidrigen Hasspraktiken häufig erfolgreich. Nicht selten ziehen sich die betroffen Frauen* temporär oder sogar permanent aus dem Internet zurück. Generell denken Frauen* deswegen immer häufiger darüber nach, was sie im Netz veröffentlichen und schränken so maßgeblich ihre digitalen Präsenz ein. Sollte dieser Trend anhalten, würde das in Zukunft auch zu einem demokratischen Defizit führen. Doch es regt sich Widerstand dagegen, vor allem digital. Das No Hate Speech Movement oder der Hassreport von Reconquista Internet stehen dabei neben #UnfollowPatriarchy an vorderster Front.

Kulturwandel muss her!

Unser Beitrag zu einer digitalen Kultur, in der sich alle frei und respektvoll ausdrücken können, ist Medienbeobachtung – und aktive Kritik. Die großen Medien, die wir wöchentlich screenen und deren sexistische Berichterstattung dokumentieren, haben insgesamt mehr als 11,5 Millionen Follower*innen auf Twitter. Im digitalen Zeitalter bedeutet das vor allem eins: Einfluss. Und damit auch Verantwortung. Medien müssen mit sexistischen Journalismus aufhören und stattdessen einen Platz für Geschichten über Online-Hass bieten, um nicht nur unser Bewusstsein für dieses Phänomen zu schärfen, sondern auch für die Vielfalt unserer Gesellschaft einzutreten.

In Zeiten, in denen rechte populistische Parteien an Aufwind gewinnen und die Rechte der Frauen durch Kirche und Staat immer weiter zurückgedrängt werden, sind sexistische und rassistische Berichterstattung gefährlicher denn je. In einer hoch technologisierten Zeit propagieren und legitimieren Medien so das Patriarchat in ungeahntem Ausmaß. Unsere Kampagne stellt sich dem aktiv entgegen. Follow us. #UnfollowPatriarchy.

 

Anne Jacob + Elizabeth Avila González

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