Wanted: Ein Aufruf für ein schwules #MeToo

Sechs Monate ist es nun her, auf einmal war #MeToo überall. Die Medien überschlugen sich in der immer gleichen Sensationsgier mit immer neuen Vorwürfen gegen die Harvey Weinstein’s dieser Welt. Mein Facebook-Feed war voll mit berührenden, mut- und wütend machenden Schilderungen vieler meiner Freundinnen über individuelle Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Und auch ganz persönlich und offline stiftete die große Debatte um sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz viele kleine Gespräche – zu den lästigen Sprüchen, die Frauen sich auf der Straße anhören müssen, zu den anzüglichen Bemerkungen die auch Männer im Berufsleben ertragen müssen und auch zu den Berührungen, die man sich lieber von der Haut waschen würde. Bei den Frauen ist Bewegung, bei manchen Männern und bei insbesondere schwulen Männern überwiegt jedoch die Stille. Ein Aufruf für ein schwules #MeToo.

Viele, die sich als politisch aktive Feminist*innen verstehen, fühlten sich im Sog der #MeToo-Debatte gar zum ersten Mal gehört. Auch wenn es feministische Positionen in den letzten Jahren in die breite Öffentlichkeit geschafft haben – nur wenige werden leugnen können, dass erst #MeToo einen so großen Stein ins Rollen gebracht hat, dass auch kleine Männer, die sich ganz groß fühlen, jetzt Angst vor dem Feminismus haben.

Für viele war und ist #MeToo jedoch ein Befreiungsschlag – viele Frauen haben erst mit den öffentlichen Statements von Kulturschaffenden den Mut gefunden, eigene Wörter für ihre Erfahrungen zu finden. Aus #MeToo wurde, zumindest in den USA, später #TimesUp: Wir sind nicht nur nicht sprachlos, wir sind auch nicht tatenlos. Die Zeit der Männer, die Frauen nur als Lust- und Sexobjekte begreifen, ist abgelaufen. Und wir, wir machen was draus.

Wir müssen hinsehen!

Bei den Frauen ist Bewegung, bei manchen Männern und bei insbesondere schwulen Männern überwiegt die Stille. Da ist es schon halb vergessen, dass im letzten Jahr vor allem auch die Vorwürfe gegen den ehemaligen House of Cards-Star Kevin Spacey für mediales Aufsehen sorgten. Schon als junger Schauspieler habe er – noch ist juristisch nichts bewiesen – mehrere, meist jüngere, Kollegen sexuell missbraucht oder zu Sex gezwungen haben. Das mediale Aufsehen, man könnte es in diesem Zusammenhang auch mediales Hinsehen nennen, wollten sich die Hamburger Deichtorhallen im Januar diesen Jahres sparen und sagten die große Schau des US-Modefotografen Bruce Weber ab, nachdem in den USA Vorwürfe der sexuellen Belästigung von männlichen Models gegen ihn laut wurden. Spacey und Weber – sind das Einzelfälle, und die schwule Seite der doch recht heterosexuellen #MeToo-Medaille? Oder sollten wir auch in der schwulen Community hinsehen und miteinander reden?

Wir brauchen mehr Zahlen

Die Zahlen sprechen für letzteres: neuere Studien verraten, dass in Großbritannien 62% aller schwulen Männer im Nachtleben gegen ihren Willen berührt wurden. 40% aller schwulen Männer in den USA haben bereits sexuelle Gewalt außer Vergewaltigungen erlebt (bei den heterosexuellen Männern waren es 21%). Für Deutschland gibt es bislang keine Untersuchungen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat jedoch erhoben, dass 7% aller Männer am Arbeitsplatz ungewollte Berührungen ertragen mussten und hat – was in diesem Zusammenhang viel wichtiger ist – herausgefunden, dass Männer viel weniger oft von solchen Erfahrungen berichten. Die Dunkelziffer könnte damit, auch abseits des Arbeitsplatzes, viel höher liegen.

Darkroom = Konsens?

Schwule Sexualität war in vielen Ländern Europas noch bis vor wenigen Jahrzehnten kriminalisiert und pathologisiert – noch immer gibt es Stigma, bei vielen Männern Angst sich zu outen. Über viele, viele Jahre hinweg hat man schwulen Männern eingeredet sich für die eigene Sexualtität zu schämen – eine Sexualtität die in vielen Aspekten so anders ist wie heterosexuelle. Schwule Kultur, dass sind auch Darkrooms und Parties, auf denen nicht nur getanzt und gequatscht wird. Konsens ist dabei oft ein Mantra, von dem alle schon einmal gehört haben, in dessen Klang aber nicht immer eingestimmt wird. Es gibt gar schwule Männer die meinen, andere Männer würden sich zum Sex bereit erklären, schon indem sie Orte betreten, an denen dieser passiert. Das ist genauso falsch wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und anderswo.

Straighte Diskurse lassen sich nicht übertragen

Nur sind die Bedingungen über Grenzen und deren Überschreitungen in schwulen Communities zu reden andere. Das Stigma von Jahrzehnten tragen wir – ob wir wollen oder nicht – noch immer mit uns herum. Und ganz generell lassen sich straighte Diskurse nur schwerlich auf schwule und queere Lebenswelten übertragen. So wundert es kaum, dass sich an die Debatten im Spacey und Weber bis auf sehr wenige Ausnahmen nur wenige Diskurse geknüpft wurden.

Frauen (und nicht nur die, die Gabi heißen) standen – ob in feministischen Kontexten oder nicht – schon oft an unserer Seite. Nun ist es aber Zeit, dass wir von ihnen lernen. Nicht nur Schauspieler und Künstler setzen Männern unter Druck – sexualisierte Gewalt ist in schwulen Communities ebenso wenig eine Neuigkeit wie die sexuelle Belästigung durch schwule Chefs. Dabei reicht es aber nicht, wenn wir nun auch #MeToo rufen oder gar #TimesUp zu einem neuen Credo unter dem Regenbogen machen. Schwule Communities müssen sich endlich mit sich selber beschäftigen – mit der Objektifizierung von Körpern, der sexuellen Gewalt und dem eigenen Schweigen. Viele tausende Frauen haben es uns vorgemacht. Jetzt ist unser Moment.

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