Medien, wir müssen reden. Über sexualisierte Gewalt gegen Männer. Mediascreening zu „Sexuelle Gewalterfahrungen von Männern“

 

Wenn es um sexuelle Gewalt gegen Männer geht, scheinen viele Menschen überfordert zu sein. Häufig hört man Kommentare wie: “Kann man denn Männer überhaupt vergewaltigen?” Noch schlimmer wird es, wenn eine Frau Täterin ist: “Ist doch super, er soll sich nicht so haben!” ist leider nicht selten als Reaktion. Denn Männer können, wollen, sollen immer, oder so wird es uns ja zumindest verkauft.

Nicht nur durch die #metoo-Debatte findet sexualisierte Gewalt, vorrangig gegegn Frauen*, in den Medien sehr viel Raum, was sehr richtig und wichtig ist. Schon lange beobachten auch wir, wie über Gewalterfahrungen von Frauen berichtet wird. Oft kritisieren wir dabei, wie Vergewaltigung und sexuelle Gewalt als „Sex-Krimi“ oder „Sexskandal“ verharmlost werden. Aber wie sieht es eigentlich mit sexualisierten Gewalterfahrungen von Männern im Erwachsenenalter aus? Tauchen sie überhaupt auf, und wenn ja, wie wird über sie berichtet?

 

Methodik

Um Antworten auf diese Fragen zu finden haben wir die Online-Auftritte der drei jeweils auflagenstärksten überregionalen Tageszeitungen (BILD, FAZ, Süddeutsche), regionalen Tageszeitungen( Rheinische Post, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Südwestpresse) und Nachrichtenmagazine (Spiegel, Focus, Stern) durchforstet. Wir haben nach den Begriffen Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, sexualisierte Gewalt, Sex-Skandal, Sex-Krimi, Sex-Gangster und Übergriff gesucht. Dabei wurden jeweils die letzten beiden Beiträge genauer untersucht, in denen über Männer als Opfer sexueller Übergriffe berichtet wurde.
Das bedeutet, unser Screening ist natürlich keine ausführliche Medienstudie, wie es beispielsweise unsere Bildstudien sind. Was ihr hier bekommt, ist eher ein Schlaglicht, das Auskunft gibt über Fragen wie: Welche Begriffe werden in letzter Zeit verwendet, wenn über sexualisierte Gewalt gegen Männer berichtet wird? Wann und in welchen Kontexten wird überhaupt über solche Taten berichtet? Und wie werden die Täter, wie die Opfer bezeichnet?

Statistischer Hintergrund

Kaum Zahlen vorhanden

Um einzuordnen, ob Medien angemessen über sexuelle Gewalt gegen Männer berichten, mussten wir erst einmal herausfinden, wie oft solche Gewalttaten begangen werden und wer genau betroffen ist. Leider fehlen zu diesem Thema weitgehend aussagekräftige Zahlen. Die besten Informationen für Deutschland stammen aus der Pilotstudie „Gewalt gegen Männer“ des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (BMFSJ) aus dem Juli 2004.
Nicht ideal. Aber als Kontext für unsere Ergebnisse haben wir hier dennoch ein paar veraltete Zahlen:

Zahlen zu sexualisierten Gewalterfahrungen im Kinder- und Jugendalter schwanken je nach Studie zwischen 0,6 und 30%. Die Autor_innen der oben zitierten Pilotstudie fanden in ihrer Befragung heraus, dass jeder fünfte Mann von sexuellen Gewalterfahrungen im Kinder- und Jugendalter berichtet. Dabei sind Erfahrungen wie ungewollte Berührungen oder Kommentare mit sexuellem Unterton mit inbegriffen. Acht Prozent der Befragten berichteten von sexualisierter Gewalt im engeren Sinne, das heißt von Vergewaltigung. Über die Täter_innen können sie auf Grundlage ihres Fragebogens keine Aussagen treffen, sie weisen allerdings darauf hin, dass verschiedene Studien der allgemeinen Annahme widersprechen, sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen ginge fast ausschließlich von Männern aus.

Im Erwachsenenalter hängt die Häufigkeit von sexualisierten Gewalterfahrungen stark von der sexuellen Orientierung ab. Innerhalb heterosexueller Paarbeziehungen berichten ca. 5% der Männer von versuchten oder tatsächlichen sexuellen Übergriffen. Laut den Autor_innen der Studie, ist hier die Dunkelziffer besonders hoch. Denn Gewalt von Frauen gegen Männer wird besonders tabuisiert.

Angaben zu Täter_innen

Die Autor_innen der BMFSJ-Studie nehmen in ihren Daten keine Auswertung zu gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen von Männern vor, weil ihnen dazu zu wenig Daten vorliegen. Es werden aber andere Studien zitiert, denen zufolge über 40% der Männer in gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen schon sexuelle Gewalt erfahren haben. Insgesamt gaben ca. 2% der befragten Männer in der BMFSJ-Studie an, sexualisierte Gewalt erfahren zu haben. Ergebnisse des National Crime Victimization Survey (NCVS) aus den USA, erhoben in den 1990ern, geben an, dass etwa 9% der Opfer von sexualisierter Gewalt Männer sind, wobei 54% diese Gewalt durch andere Männer erfahren. Unter Menschen, die durch Kolleg_innen sexualisierte Gewalt erfahren, sieht das NCVS Männer leicht überrepräsentiert (22% aller befragten Männer/11% der Frauen). Zudem zeigt die Studie, dass 33% der männlichen Opfer People of Color seien, bei den Frauen sind dies nur 17%. 30% der befragten Frauen zeigten ihre Gewalterfahrungen bei der Polizei an, verglichen mit 15% der Männer.

Die Ergebnisse

Vielleicht wenig überraschend stehen die jüngsten Artikel, die sich mit dem Thema sexueller Gewalterfahrungen von Männern beschäftigen. Von 18 ausgewerteten Artikeln beschäftigen sich sechs direkt mit Vorwürfen gegen Prominente oder deren Reaktionen darauf. Weitere Artikel nehmen auf das Hashtag und die dadurch losgetretenen Debatten Bezug, um beispielsweise zu erklären, warum mehr und mehr Betroffene über ihre Erfahrungen sprechen.

Die Tat an sich – Begriffe für Übergriffe

Positiv überrascht sind wir von den Begriffen, die Zeitschriften und Zeitungen wählen, um über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Die am häufigsten verwendeten Begriffe (Übergriff, Vergewaltigung, Belästigung, Missbrauch) benennen das Geschehen klar als eine Straftat. Die häufigsten neutralen Begriffe (Tat, Fall) zeichnen sich ebenfalls nicht durch Verharmlosung aus, sondern lassen eher darauf schließen, dass die Taten in den Zusammenhang einer Strafverfolgung gestellt werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass verharmlosende Begriffe gar nicht auftauchen: Einige Artikel sprechen von „Avancen“ und „Annäherungsversuchen,“ wobei Belästigung durch Vorgesetzte gemeint ist, oder bezeichnen gar Exhibitionismus als „Sex-Angebot“ oder erzwungene Analpenetration als „schmerzhafte Angelegenheit“.

Kann Mann “Opfer” sein?- Begriffe für Betroffene

Die Frage nach der passenden Bezeichnung für Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Insbesondere die Verwendung des Begriffs „Opfer“ wird von manchen Betroffenen stark abgelehnt, da sie sich dadurch zu stark über ein Ereignis definiert sehen, über das sie keine Kontrolle hatten. Insofern mag man es als negativ lesen, dass “Opfer” die zweithäufigste Betroffenen-Bezeichnung in den von uns untersuchten Artikeln darstellt, in den Top 3 sind noch Mann” aber auch “Model”.
Unser Fazit also im Bereich “Begriffe für Betroffene”: Verletzlichkeit und die Erfahrung von Gewalt ist gesellschaftlich nicht selbstverständlich mit Männlichkeit vereinbar. Wir finden es daher einen Schritt in die richtige Richtung: Gewalt gegen Männer muss ebenfalls klar benannt werden.

 

Oscar -Preisträger und Ärzte – Begriffe für Täter_innen

Sowohl für Betroffene als auch für Täter_innen fällt auf, dass sie oft über ihre Berufsbezeichnungen definiert werden. Grundsätzlich begrüßen wir es, Menschen über ihre Leistungen bzw. Taten zu definieren, anstatt beispielsweise auf Beziehungen zu anderen zu reduzieren. Etwas zweifelhaft ist diese Vorgehensweise jedoch, wenn über Vorwürfe gegen berühmte Menschen berichtet wird, der Artikel aber gleichzeitig viel Platz darauf verwendet, Bekanntheitsgrad und Auszeichnungen der Person aufzulisten. Sexuelle Belästigung wird nicht weniger schlimm, weil jemand Star-Fotograf_in oder Oscar-Preisträger_in ist.

Im Verhältnis zu den oben zitierten Zahlen fällt außerdem auf, dass Täterinnen in den von uns untersuchten Artikeln kaum auftauchen. Lediglich zwei Artikel benennen überhaupt die Möglichkeit, dass Frauen Männern sexualisierte Gewalt antun können. Verglichen mit den oben genannten Ergebnissen erscheint dies zu wenig zu Wort zu kommen. Davon bleibt einer auf einer sehr hypothetischen Ebene (benennt also keinen konkreten Fall), während der andere den Vorfall als harmloses „Angebot“ abstempelt.

Wenig mit Ruhm bekleckert haben sich die untersuchten Artikel auch zum Stichwort Homophobie. Zu benennen, dass Kevin Spacey sich zeitgleich mit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn als schwul geoutet hat, ist nicht homophob – der Zeitpunkt war von Spacey selbst schlecht gewählt. Unnötig ist dagegen, zu betonen, dass Opfer von Übergriffen heterosexuell sind, als würden sich schwule Männer grundsätzlich darüber freuen, von ihren Vorgesetzten begrapscht zu werden. Ebenso ist Übergriffigkeit gegenüber Männern durch Männer nicht automatisch ein Zeichen für Homosexualität – denn wie wir inzwischen wissen sollten, liegt sexualisierte Gewalt oft mehr in Machtmotiven als durch sexuelle Anziehung begründet.

Kann Mann vergewaltigt werden? – ein Fazit

Insgesamt konnten wir feststellen, dass wir sowohl in der Wissenschaft als auch in den Medien sexuelle Gewalterfahrungen von Männern zu wenig thematisiert werden. So wollten wir uns ursprünglich auf Artikel aus den ersten zwei Februarwochen konzentrieren, konnten aber nicht ausreichend Material finden. Durch #metoo erfuhr sexuelle Gewalt höhere Aufmerksamkeit, welche auch manche Männer dazu bewegt über Erfahrungen zu sprechen. Denn das Klischee des sexuell hoch aktiven und immer bereiten Mannes, welches uns schon aus unserer täglichen Arbeit nur zu gut bekannt ist, wird leider zu Unrecht so interpretiert, als könnten Männer nicht sexuelle Gewalterfahrungen machen.

Wie wir in unserem Screening feststellen mussten, sind einige schädliche Erklärungsmuster immer noch weit verbreitet. Beispielhaft ist hier das Vorurteil zu nennen, dass es Schwulen nichts ausmacht, von Männern belästigt zu werden oder Belästigung auf sexuelles Interesse hinweist.  Zudem schienen die Artikel oft einen Schwerpunkt auf Erklärungen für die Verletzlichkeit der Männer zu legen, wie zum Alkoholrausch oder Drogenkonsum. Tendenzen wie diese können zu Victim Blaming, Tabuisierung anderer Tathergänge etc. führen, wie das auch bei Frauen der Fall ist. Medien sind hier in der Verantwortung dieses Stereotyp nicht zu reproduzieren.

Die verwendeten Artikel und unsere ausführlichen Ergebnisse könnt Ihr hier einsehen: GEM Mediascreening_Sexualisierte Gewalt gegen Maenner_ausführliche-Ergebnisse

Hilfsangebote und Kontaktadressen

Arbeitskreis Gewaltschutzgesetz Münster: http://www.gewaltschutz-muenster.de/dt/index.php/informationen-fuer-maenner/maenner-als-opfer

Beratungsstellen für Männer in Berlin: http://www.big-berlin.info/node/151

Männerbüro Hannover: http://www.maennerbuero-hannover.de/arbeitsbereiche/maennliche_opfer_haeuslicher_gewalt/index_ger.html

Männer-Informationszentrum München: http://www.maennerzentrum.de/die-fachstelle/

Diakonie Ruhr: http://www.diakonie-ruhr.de/rat_und_hilfe/ratsuchende/haeusliche_gewalt

Männerberatung Schleswig-Holstein: https://www.maennerberatung-sh.de/

Beratungsstellen der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt: https://www.bag-taeterarbeit.de/beratungsstellen-suchen.html

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