Nachgezählt: Noch ein Jahr voller Familiendramen und Ehrenmorde

Mit unserem Medienscreening 2021 veröffentlichen wir unsere Analyse zur Berichterstattung über (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen in der deutschen Medienlandschaft. Verbesserungen  zum Vorjahr? Fehlanzeige!

2021 hatte seine Höhen und Tiefen. Zwar ist Julian Reichelts Kopf gerollt, doch wurde das Jahr hauptsächlich negativ bestimmt von Lockdowns, der Verschärfung der sozialen Krise und einem vergeigten Linksrutsch. Außerdem wurde im November 2021 unsere Vermutungen schwarz auf weiß bestätigt: Die Statistik des BKA zu Partnerschaftsgewalt in Deutschland im Jahr 2020 belegt einen deutlichen Anstieg von Feminiziden. 139 Frauen wurden in 2020 ermordet. Im Vergleich zum Vorjahr 2019, mit 117 Frauen, die Opfer von Partnerschaftsgewalt mit tödlichem Ausgang wurden, ist das ein Anstieg von knapp 16%. Unsere Ergebnisse aus dem Medienscreening machen deutlich, dass hinter der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen ein Profitinteresse steht. Um die Klickzahlen zu maximieren, wird dabei auf die Verbreitung voyeuristischer und gewaltverharmlosender Artikel gesetzt und keineswegs ein ehrliches Interesse gezeigt, diese vermeintlichen “Einzelfälle” der Tötung von Frauen strukturell einzuordnen und zu benennen: Frauen sterben, weil sie Frauen sind.

 

95% der Medienberichte verwenden gewaltverharmlosende Sprache, wenn sie über (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen berichten

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2021 haben wir die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen von über 260 Medien via Google News gescreent. Bei insgesamt 815 Treffern zählten wir 775 Artikel, in denen eine gewaltverharmlosende Sprache benutzt wird. Das sind 95%. Lediglich 5% (40 Artikel) nutzen Formulierungen, die das abbilden was passiert: Feminizide. 

Während wir den Begriff Feminizid (1) wieder kein einziges Mal in der Berichterstattung auffinden konnten, führen Begriffe wie Bluttat (233x, im Vergleich dazu 2020: 198x), Beziehungstat (163x, im Vergleich dazu 2020: 141x) und Familiendrama (138x, im Vergleich dazu 2020: 143x) die Negativ-Top-Drei der gewaltverharmlosenden Sprache an. Besonders frappierend ist hier der große Anstieg bei Bluttat. Dieser Aufwärtstrend reiht sich auch gut in den momentanen Hype um True Crime Formate in Deutschland ein: Je blutiger und grausamer ein Angriff gegenüber Frauen ist, desto voyeuristischer und profitgieriger wird die Tat in den Medien ausgeschlachtet. Nicht selten wird dabei auch aus der Täterperspektive berichtet. Einzelheiten der Tat werden detailliert beschrieben, manchmal sogar bis hin zur Unterwäsche des Opfers. Solche Details haben nichts in der Berichterstattung zu suchen. Dies auch aus dem Grund, weil es das Narrativ der Täter-Opfer-Umkehr bedient: Die Opfer waren nicht vorsichtig genug und tragen deswegen eine Mitschuld.

 

 

 

Ein Jahr lang sexistische und rassistische Berichterstattung

Während traditionell rund um den Internationalen feministischen Kampftag am 08. März und den Internationalen Tag zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November mehr allgemeine Berichterstattung über das Thema aufzufinden ist, konnten wir 2021 darüber hinaus beobachten, dass es drei Peaks in der Anzahl der Artikel zu Gewalttaten gegen Frauen gab: Im Mai mit insgesamt 114 Beiträgen (im Vergleich dazu 2020: 93), im August mit 101 Beiträgen (im Vergleich dazu 2020: 36) und im Oktober mit 123 Beiträgen (im Vergleich dazu 2020 58). 

Dominant in der Berichterstattung im Mai war der Amoklauf in Dänischenhagen, der keiner war. In dem Fall hatte ein Mann seine von ihm getrennt lebende Frau und zwei Männer getötet. Außerdem wurde in einem Dorf in NRW eine Frau auf besonders gewaltvolle Weise von ihrem Partner nach einem Streit getötet. Über dieses Gewaltverbrechen wurde 16-mal  gewaltverharmlosend Bericht erstattet, einmal wurde richtigerweise eine Einordnung als Femizid vorgenommen.

Im August töteten in Bayern zwei afghanische Brüder ihre Schwester ebenfalls auf besonders grausame Art. Daraufhin entbrannte eine bundesweite Diskussion zu dem Begriff Ehrenmord. Zudem begann die CDU damals eine Debatte um die gescheiterte “Integration” der zwei tatverdächtigen Brüder.  Insgesamt konnten wir den Begriff Ehrenmord 63-mal in der Berichterstattung zählen. Am häufigsten nutzen ihn die Redaktionen der Augsburger Allgemeine, der BILD und des Tagesspiegels. Bei der Verwendung des Begriffs Ehrenmord (2) wird eine gewisse Doppelmoral an den Tag gelegt, die darauf abzielt, die Herkunft der Täter besonders zu betonen. Wir beobachten, dass Feminizide vor allem dann als Ehrenmorde bezeichnet werden, wenn die Täter nicht biodeutsch sind. Obwohl Feminizide in Deutschland häufig und sogenannte Ehrenmorde selten sind, hat sich Letzteres viel mehr im deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt. Deutlich wird dies, indem der sog. Ehrenmord als Begriff bereits 2009 Einzug in den Duden erhielt, Femizid hingegen erst 2020. Allein die Existenz des Wortes Ehrenmord verdeutlicht, worauf deutsche Behörden ihren Fokus legen: Sie erkennen eine Systematik, wenn nicht-deutsche Männer im vermeintlichen Namen ihrer Ursprungskultur Frauen töten. Wenn deutsche Männer Frauen töten, wird dies hingegen unter dem Begriff der Partnerschafts- oder häuslichen Gewalt zusammengefasst (3). Die Betonung des kulturellen Hintergrunds der Täter ist falsch, weil sie suggeriert, dass es sich um ein Problem der vermeintlichen “anderen”, der Zugewanderten handelt. Männer töten aber auf der ganzen Welt Frauen. Toxische Männlichkeit und damit einhergehende Besitzansprüche sind das Problem, was sie alle eint, gleich welcher Herkunft und Sozialisierung. 

Das zeigt auch der dritte Höhepunkt der Berichterstattung im Oktober: Ein Polizist zündet eine Frau in Neubrandenburg an und eine schwangere Frau wird von ihrem Partner erstochen. Über das ganze Jahr beobachten wir ein sich wiederholendes Muster: Die Trennung von ihrem Partner stellt für Frauen mitunter die größte Lebensgefahr dar, weil hier die Besitzansprüche ihres Partners maximal getriggert werden. Oftmals werden dabei auch gemeinsame Kinder getötet. Das, was die Medien daraus machen, sind Beziehungstaten und Familiendramen, vorgeschoben wird das Eifersuchtsmotiv. Es handelt sich aber um Feminizide, die auch als solche von den Medien benannt werden müssen.

 

 

Welche Medien waren die größten Übeltäter?

In diesem Jahr führen die Top 3 der Medien mit der größten Anzahl an Artikeln, in denen gewaltverharmlosende Begriffe genutzt werden Tag24 (55 Artikel, im Vergleich dazu 2020: 64), BILD (43 Artikel, im Vergleich dazu 2020: 44) und RTL (28 Artikel, im Vergleich dazu 2020: 13) an. Nicht mehr dabei ist Express, wir die Anzahl der Artikel mit gewaltverharmlosenden Begriffen im Vergleich zum Vorjahr von 29 auf 16 in 2021 gesunken ist. 

Am beliebtesten sind bei Tag24 die Begriffe Familiendrama (17x), Bluttat (12x) und Beziehungstat (8x). Bei der BILD sind es Bluttat (22x), Familiendrama (6x) und Ehrenmord (4x). Bei RTL setzen sich die Schlagzeiten auf häufigsten aus Bluttaten (10x), Familiendramen (7x) und Beziehungstaten (4x) zusammen, anstatt dass Gewalt gegen Frauen benannt und systematisch in patriarchale Strukturen eingeordnet wird. 

Ein deutlicher Rückgang bei der Verwendung ließ sich bei dem Begriff Sextäter beobachten. Konnten wir in 2020 noch 90 Artikel zählen, so waren es im letzten Jahr über ein drittel weniger mit 55 Artikeln. Besonders auffällig ist hierbei, dass der Begriff bei Karlsruhe Insider mit 12-mal überdurchschnittlich oft zum Einsatz kommt, gefolgt von Tag24 mit 6-mal und Express mit 5-mal.

 

 

Keine Änderung bei medialen Vorbildern.

Bei dem Begriff Femizid konnten wir im Vergleich zu 2020 (31x) einen leichten Anstieg verzeichnen mit insgesamt 40 Artikeln zu tödlichen Gewaltverbrechen an Frauen in Deutschland. Bis auf drei Ausnahmen wurde der Begriff bei keinem Medium mehr als 3-mal verwendet: anf deutsch (im Vergleich dazu in 2020: 5x), news.de (im Vergleich dazu 2020: 4x) und shz (im Vergleich dazu 2020: 2x). Bei den beiden letzten Medien ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um Medien handelt, die je mit 18 (news.de ) bzw. 11 (shz) Artikeln zu den Medien gehören, die mitunter am am häufigsten gewaltverharmlosend berichten

Darüber hinaus hat das 2021-Screening erschreckenderweise deutlich gemacht, dass die Benutzung des Begriffs Frauenmord im Vergleich zum Vorjahr stark zurückgegangen ist mit lediglich 3 Artikeln (im Vergleich dazu 2020: 19x).

Es reicht!

Wenn Medien das strukturelle Ausmaß von (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen nicht benennen und bundesweit kommunizieren, führt das auch dazu, dass die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben sinkt. Gleichzeitig wirft es betroffene Frauen zurück, Gewalttaten anzuzeigen, weil Medien den Eindruck vermitteln, es handle sich um Ausnahmen. Dadurch befeuern sie maßgeblich die ohnehin schon als sehr gering gesellschaftlich wahrgenommene Glaubwürdigkeit der Opfer. 

Sprache ist Gewalt in Worten und Medien haben deswegen eine besondere Verantwortung! 

Deswegen setzen wir uns als Verein auch dafür ein, dass Berichterstattung (sexualisierte) Gewalt einordnet und darauf aufmerksam macht, dass es sich bei den Gewalttaten eben nicht um Einzelfälle handelt. Wenn (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen verübt wird, sind das keine Tragödien, die durch Zufall passieren, sondern es handelt sich um strukturelle Gewalt, die eine dauerhafte Kontextualisierung braucht. Redaktionen müssen dafür sensibilisiert werden, auch was die  Bedeutung der Begriffe anbelangt, die sie besonders gerne verwenden. Medien muss bewusst werden, dass sie Verantwortung haben, vor allem, wenn sie auflagenstark sind. 

Im Zuge dessen haben wir auch im Oktober letzten Jahres einen Offenen Brief an deutsche Redaktionen und Verlage veröffentlicht, in denen wir die Förderung von Diversität und den Abbau von Diskriminierung und Sexismus fordern – bisher blieben jedoch die Rückmeldungen aus. In anderen Worten: Liebe deutsche Medienlandschaft, stellt den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen endlich an höchste Stelle! Ihr seid es uns schuldig!

 

(1) Feminizid beschreibt auf der einen Seite die geschlechterspezifische und endemische Natur der Gewalt gegen Frauen, also “die Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind” und kennzeichnet auf der anderen Seite die Untätigkeit des Staates. (Quelle)

(2) vorsätzlich begangene versuchte oder vollendete Tötungsdelikte, die im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände oder Gesellschaften, die vorrangig von Männern an Frauen verübt werden, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie oder des Mannes wiederherzustellen

(3) In einem unserer folgenden Blogbeiträge werden wir eine kritische Einordnung der Begriffe vornehmen.

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