Nachgezählt: 93 Prozent der Medienberichte verharmlosen Gewalt an Frauen

Medienscreening beweist: 365 Tage Medienscreening, 716 Mal gewaltverharmlosende  Berichterstattung

2020 war kein einfaches Jahr –  schon gar nicht für den Kampf gegen gewaltverharmlosende Berichterstattung zu Gewalt gegen Frauen. Die Krise stand im Fokus der Medien. Zwar wurde vermehrt über Gewalt gegen Frauen berichtet, die Frage ist nur wie, und ob diese systematische Gewalt verharmlost wird.

Auch deswegen haben wir unser Medienscreening intensiviert und insgesamt 365 Tage alle via Google News erfassbaren Medien gescreent. Ziel war, eine umfassende Jahresanalyse hinsichtlich der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen zu erstellen. Nun können  wir bestätigen, dass wie auch in den Jahren zuvor im Pandemie-Jahr 2020 (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und die gewaltverharmlosende Berichterstattung darüber neue Höhepunkte erreichte. Und das in der gesamten Republik, wie unsere monatlich aktualisierte interaktive Karte zeigt.

Oben rechts (Klick auf Kästchen) kann die Karte vergrößert werden.

 

93% der Medienberichte sind gewaltverharmlosend, wenn sie über (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen berichten

Bei insgesamt 250 Medien haben wir 767 Treffer entsprechend unserer Schlagworte erzielen können. Das traurige Gesamtergebnis: In 93% der gescreenten Artikel (716 von 767 Artikel)  über Vorfälle (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen berichten Medien in der uns  altbekannten gewaltverharmlosender Manier: Frauenmorde werden zu Bluttaten (199 Treffer) oder Familiendramen (144 Treffer), Vergewaltiger zu Sextäter (90 Treffer). Feminizid, der Begriff, welcher auf der einen Seite die geschlechterspezifische und endemische Natur der Gewalt gegen Frauen bezeichnet, also “die Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind” und auf der anderen Seite die Untätigkeit des Staates kennzeichnet, wurde in unserem Medienscreening null mal  gezählt.

Berichterstattung in Zeiten von Corona

2020 waren die Medien vor allem mit Corona beschäftigt, das wirkte sich natürlich auch auf die Ergebnisse unseres Medienscreening aus: In den Monaten Februar bis April verzeichneten wir einen Einbruch mit nur 32-34 Treffern pro Monat, in den Jahren davor waren es ca. 60 pro Monat. Im Vergleich zur Abnahme der Berichterstattung über explizite Gewaltverbrechen gegen Frauen in diesem Zeitraum, nahm die allgemeine Berichterstattung über die Thematik häusliche Gewalt stark zu. Ab Mai (93 Treffer) bis Juli (111 Treffer) nahm die Berichterstattung zu konkreten Fällen wiederum zu, während zwischen August und Oktober wieder weniger über Fälle berichtet wurde. Zeitgleich mit der zweiten Welle und den damit verbundenen restriktiven Maßnahmen, stieg die Berichterstattung zu Gewaltverbrechen gegen Frauen wieder erneut stark an: Im November zählten wir 108, im Dezember 95 Artikel mit gewaltverharmlosender Berichterstattung.

 

Welche Medien verharmlosen am stärksten?

Auflagenstärkste Medien fallen am häufigsten negativ bei der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen auf. TAG24 (64 Treffer), BILD (44 Treffer) und Express (29 Treffer) rangieren neben dem Karlsruhe Insider (20 Treffer), news.de (14 Treffer) und der Augsburger Allgemeinen Zeitung (ebenfalls 14 Treffer) unter den Top 5 der Medien, welche am häufigsten gewaltverharmlosend berichten. 

Während die regionale Zeitung TAG24, die  deutschlandweit über lokale Redaktionen verfügt und auf ihrer Twitter-Seite angibt, mehr als 10 Millionen Leser*innen monatlich zu bedienen, zählen  BILD und Express mehr als 9 Millionen Leser*innen. Damit bedienen die drei größten Übeltäter*innen eine Reichweite von 19 Millionen Menschen, welche gewaltverharmlosende Berichterstattung lesen und verinnerlichen, ohne die systematische Gewalt gegen Frauen und oft auch deren Kinder zu hinterfragen. Besonders auffällig dieses Jahr waren auch der Karlsruhe Insider und Express, die in 17 bzw. 12 Fällen von Sextätern statt Vergewaltigern berichteten.

 

Mit Gewalt gegen Frauen werden Klicks generiert

Mit positivem Beispiel gehen wieder einmal weniger reichweitenstarke Medien, wie anf deutsch (5 Treffer), s:hz (4 Treffer) oder die Potsdamer Neuesten Nachrichten (3 Treffer) voran, welche (sexualisierte) Gewalt gegenüber Frauen richtigerweise als Femizid, Feminizid oder Frauenmord bezeichnen. Auffällig ist, dass TAG24 auch in unserer Positiv-Statistik mit 5 Treffern auftaucht. Allerdings müssen wir diese Beobachtungen auch richtig einordnen: Setzen wir  diese fünf Fälle, in denen TAG24 richtigerweise Femizid oder Frauenmord verwendete, mit den oben genannten Zahlen ins Verhältnis, so kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Zeitung in 92% der Fälle Gewalt an Frauen noch immer als Bluttat, Familiendrama oder Beziehungsstreit verharmlost. Hinzu kommt, dass TAG24 im Vergleich zu anderen Zeitungen überproportional oft über Gewaltverbrechen gegen Frauen berichtet, nicht zu guter Letzt, um zu entertainen und Clickbaiting zu betreiben. Und auch die s:hz berichtete mehrheitlich negativ (6 gewaltverharmlosende Artikel).

 

Femizide nehmen zu

In 2020 haben wir uns zum International Tag für die Beseitigung von Gewalt an Frauen mit dem Berliner Ableger des FLINTA Kollektivs femplak zusammen getan und konnten gemeinsam allein im Jahr 2020 anhand unseres Medienscreenings und anderen Quellen bis zum 31.10.2020 155 Frauenmorde in Deutschland nachweisen. Vergleichen wir diese Zahlen mit 2018 (122 Femizide) und 2019 (111 Femizide) stellen wir fest, dass 2020 ein massiver Anstieg an Frauenmorden zu verzeichnen ist, was auch die offiziellen Statistiken dieses Jahr rückblickend bestätigen werden dürften. Zu erwarten ist auch, dass die Fälle von (sexualisierte) Gewalt an Frauen generell durch die Lockdowns zunehmen wird.

 

Medien müssen sich ändern

Medien mit ihrer Einordnung, Berichterstattung und großer Reichweite spielen hierbei eine wichtige Schlüsselrolle. Kritische Berichterstattung, und ganz besonders diese über Gewalt an Frauen, muss von allen Medien priorisiert werden. Wenn Frauen umgebracht werden und/ oder Gewalt erfahren, ist das kein Fall von Entertainment. Die Berichterstattung darüber darf nicht für Clickbaits missbraucht werden! Wir fordern daher Redaktionen, sich ein Beispiel an den oben genannten Medien zu nehmen und dem Kampf gegen Gewalt an Frauen endlich den Stellenwert einzuräumen, den er verdient. Nämlich ganz weit oben.

 

Der Kampf geht 2021 weiter

Medien haben in Demokratien immer und besonders in Krisenzeiten die Rolle aufzuklären. Diese Aufgabe wird auch durch Artikel 17 der Istanbul Konvention des Europarat zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt unterstrichen. Demnach sollten Medien Wege finden, sich selbst Richtlinien aufzuerlegen, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern und ihrer Würde zu erhöhen. Wenn Frauen alleine aufgrund ihres Geschlechts umgebracht werden, dann ist das ein Feminizid, der auch so benannt werden muss, um auf das System dahinter aufmerksam zu machen. Frauenmorde als Dramen oder Tragödien zu verharmlosen, ist Teil dieses Problems. 

Wie so einige, hoffen auch wir, dass 2021 besser wird. Ganz speziell auch im Hinblick auf den Kampf gegen Gewalt und Frauen und die mediale Berichterstattung darüber. Wir von GEM e.V. wissen jedoch, dass einfaches Hoffen nicht wirklich viel bringt und haben uns deswegen so einiges für 2021 vorgenommen, damit strukturelle Gewalt gegen Frauen endlich auch als solche in den Medien genannt wird, um ein Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit zu schaffen und von da aus unseren gemeinsamen Kampf weiterzuführen. Also seid gespannt auf das neue Jahr! Bis dahin, follow us und #UnfollowPatriarchy.

 

 

  • Christoph

    Hallo.
    Ich denke, dass das ein sehr wichtiges Thema ist. Umso wichtiger ist daher, dass auch die Daten sauber erhoben und interpretiert werden. Ich habe jetzt spontan einen der Berichte aufgerufen:
    https://www.express.de/nrw/leverkusen/ekel-aktion-in-leverkusen-mann-sieht-frau-und-kleines-kind–da-wird-er-zum-sex-taeter-36473000
    Ein Mann entblößt sich vor einer Frau und einem Kind – da ist vielleicht Sextäter nicht der richtige Ausdruck – aber ein Mord oder eine Vergewaltigung ist es definitiv auch nicht – so wird es aber in der blauen Box suggeriert.
    Das Beispiel macht mich leider nicht gerade zuversichtlich, dass hier sauber gearbeitet wurde.

  • Gender Equality Media

    Vielen Dank für deine Anmerkung Christoph. Auch wenn die blaue Grafik etwas zugespitzt formuliert ist, ändert das nichts an der Tatsache, dass sexualisierte Gewalt (darunter eben auch Vergewaltigungen) in der medialen Berichterstattung mit Begriffen wie „Sextäter“ verharmlost wird. Es gibt also keinen Grund, unsere gesamte Datenerhebung in Frage zu stellen. Bei weitern Fragen, schreib uns gern: hallo@genderequalitymedia.org

  • Daniel

    Liebe Redaktion,

    ich habe nur eine kleine Auswahl der Artikel betrachtet und ich muss sagen, dass ich mich der Ansicht des Vorschreibers anschließen würde.

    Hier wurde zumindest stellenweise unsauber gearbeitet, was bei einem derart ernsten Thema meiner Meinung nach unangebracht ist.

    Zwei Beispiele:

    https://www.donaukurier.de/lokales/pfaffenhofen/Kripo-ermittelt-wegen-Totschlags;art600,4700190: Bluttat: Laut Redaktion soll an dieser Stelle stattdessen Frauenmord verwendet werden. In dem vorliegenden Fall handelt es sich jedoch zumindest laut dem Zeitungsbericht um Totschlag. Mord wäre an dieser Stelle also sachlich falsch.

    https://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis/friedrichshafen/einsatzkraefte-ruecken-zu-lautstarkem-ehestreit-in-friedrichshafen-aus-mann-greift-polizisten-und-sanitaeter-an;art372474,10696381: Ehestreit: Im vorliegenden Artikel geht es um einen Ehestreit, bei dem der Mann handgreiflich gegenüber der Einsatzkräfte. aber laut Bericht nicht gegenüber seiner Frau wurde. Dieser Artikel hat also mit Gewalt gegen Frauen -zumindest basierend auf den Inhalt des Artikels- nichts zu tun.

    Gerade durch letzteren Artikel kommt bei mir das Gefühl auf, dass die Redaktion nur die Stichworte betrachtet hat, ohne die zugehörigen Artikel zu lesen.

    • Gender Equality Media

      Hallo Daniel,

      hier können wir ebenfalls auf unserer Antwort an deinen Vorschreiber anknüpfen. Unsere Aussagen zu den Ergebnissen aus 365 Tagen Medienscreening können nicht jedem Vorfall aus den gescreenten Artikeln gerecht werden. Uns geht es in der Auswertung v.a. auf den systemischen Fehler solcher Berichterstattung aufmerksam zu machen.

      Zu deiner ersten Anmerkung:
      Es es richtig, dass der Pfaffenhofener Kurier seinen Artikel mit „Kripo ermittelt wegen Totschlag“ betitelt. Lesen wir den Artikel aber weiter, finden wir heraus, dass der mutmaßliche Täter seine Partnerin in der gemeinsamen Wohnung erstochen hat. Damit ist das Opfer eine mehr als 150 Frauen, welche 2020 in Deutschland durch ihren Partner umgebracht wurden. Die Zeitung beschreibt die Tat als Bluttat“ und nicht als Feminizid / Frauenmord, um richtigerweise auf die systematische Gewalt gegen Frauen v.a. durch ihre (Ex-)Partner hinzuweisen. Weltweit sind jährlich rund zwei Drittel von Tötungsdelikten an Frauen ihren (Ex-)Partnern zuzuordnen.

      Zu deiner zweiten Anmerkung:
      Es ist richtig, dass der im Artikel beschriebene Angriff eines Mannes gegen die Rettungskräfte vor Ort gerichtet war und nicht gegen dessen Ehefrau. Nichtsdestotrotz war das Ergebnis des „Ehestreits“, dass ein Rettungswagen gerufen werden musste, um diesen zu beenden. Diesen Vorfall auf einen „lautstarken Ehestreit“ zu reduzieren beschreibt unserer Meinung nach nicht, was viele Frauen tagtäglich erleben, oft auch ohne, dass Rettungskräfte dazu gerufen werden müssen. Deswegen passt auch dieser Artikel in unsere Argumentation, dass die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen systematisch verharmlost wird und nicht auf das Geflecht patriarchaler Strukturen hinweist, die eine solche Gewalt befördert und gar „newsworthy“ macht.

      Bei weiteren Fragen, schreibe uns gern an hallo@genderequalitymedia.org

  • Gisela

    Der Hass auf Frauen ist groß!
    Danke für euren guten Artikel.
    Komisch ist, wenn ich die Femiziede anspreche, dann sagt der Mann (der Anti- Feminist?):
    „auch Männer erleben Gewalt von Frauen, die Dunkelziffer ist hoch.“
    Aber doch nicht tödlich!!!
    Ich verzweifle da oft dran.
    Auch sind Frauen echt nicht sichtbar. Beim Einkauf: Liebe Kunden!, im Rathaus: Bürgerbüro!, die Medien haben einige Zeit auf „Bürgerinnen und Bürger“ geachtet, jetzt schon gar nicht mehr (im Radio zu hören).
    Die Gleichstellungsbeauftragte (haha) und der Bürgermeister im Rathaus schaffen es nicht, ein Bürger*innen dazuzukleben!
    Mein Landkreis hat einen großen Aufkleber gegen häusliche Gewalt gemacht, Da steht ernsthaft im Text: „Bürgermut tut allen gut! Mit uns ist häusliche Gewalt nicht mehr privat!“ Nicht BürgerInnenmut! Das „nicht“ ist paradox.
    Es ist schwer als Frau.

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