Wie Fotos Schwangerschaftsabbrüche tabuisieren

Ein Gastbeitrag von Anna Mattes vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

Am 24. November wurde die Ärztin Kristina Hänel in Gießen zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilt, da sie auf der Homepage ihrer Arztpraxis Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch bereitgestellt hatte. Das Urteil ist ein Skandal: Seit Jahren nutzen radikale Abtreibungsgegner*innen den § 219a StGB, um Ärzt*innen und Fachberatungsstellen einzuschüchtern und sachliche Information zu unterbinden. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung konnte dank der Unterstützung der Bewegungsstiftung eine Kampagne und eine Fotoaktion in den sozialen Medien initiieren, um auf die Aufhebung des Paragrafen hinzuwirken. Gleichzeitig führte das Urteil zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte, die weit über den Paragrafen und Kristina Hänels Fall hinausgeht und aufzeigt, wie ambivalent und tabuisiert sowie umstritten das Thema Schwangerschaftsabbruch auch heute noch ist – was leider durch die Bildsprache vieler Journalist*innen und Medien verstärkt wird.

Welche Bilder werden verwendet und warum sind sie problematisch?

In der Berichterstattung zu den Themen Schwangerschaftsabbruch fällt auf, dass häufig zwei Arten von Bildern verwendet werden: Abbildungen von Föten sowie Abbildungen von schwangeren Frauen in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft. Beides ist problematisch, denn die Bilder von Föten geben ein verzerrtes Bild der Realität wieder. Häufig werden Bilder aus Archiven genommen, die Schwangerschaften in der 14., 16. oder 18. Woche zeigen. Schwangerschaftsabbrüche werden ambulant aber typischerweise in der 7. oder 8. Woche vorgenommen.

Oft nutzen Medien die Fotos von Abtreibungsgegner*innen

Wenn Redaktionen eine realistische Abbildung wählen wollen, sollten sie das Bild einer Fruchtblase wählen, empfahl auch Kristina Hänel bei einer Pressekonferenz Anfang Dezember 2017 in Berlin. Im schlimmsten Fall übernehmen Journalist*innen Bilder von “Lebensschützer*innen” als Bildmaterial, wie beispielsweise Bilder der Plastikembryonen, die über eine von “Lebensschützer*innen” betriebene Plattform verbreitet werden. Dort werden wissentlich Fehlinformationen verbreitet, unter anderem, dass ein Fötus in der 10. Schwangerschaftswoche (SSW) bereits 6 cm groß sei und die Plastiknachbildung somit der Realität entspreche. Wer selbst einen kleinen Einblick haben möchte, wie Abtreibungsgegner versuchen, über Bildsprache zu einer Tabuisierung und Skandalisierung beizutragen, kann gerne Bilder zum Suchbegriff “Abtreibung” googeln.

Auch Fotos schwangere Frauen mit einem sichtbaren Babybauch in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft sind realitätsverzerrend. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland bis zur 12. SSW zugänglich. Sogenannte Spätabbrüchen nach der 12. SSW sind verhältnismäßig selten und nur möglich, wenn die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist. Bis zur 12. SSW ist die Schwangerschaft für das Umfeld kaum sichtbar – häufig behalten Schwangere eine Schwangerschaft bis zu diesem Zeitpunkt noch für sich, da das Risiko einer Fehlgeburt groß ist.

Wie könnte es besser gemacht werden?

Wir würden uns wünschen, dass Journalist*innen und Medien realistische Bilder für ihre Artikel wählen, die die Entscheidung der Schwangeren in den Mittelpunkt stellen. Eine Bildsprache, die beim Thema Schwangerschaftsabbruch die Realität abbildet, würde auch in der Debatte über § 219a StGB helfen. Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien hatte zu diesem Zweck im vergangenen Jahr zu einem Fotowettbewerb aufgerufen – diese und weitere Bilder sind inzwischen auch online zu finden.

219a StGB zu streichen, um mehr verlässliche und sachliche Informtionsquellen zu schaffen, und die Bildsprache zu reflektieren, sind zwei wichtige Bausteine, um das Thema Schwangerschaftsabbruch zu enttabuisieren und damit zu garantieren, dass Menschen ihr Recht auf reproduktive Selbstbestimmung wahrnehmen können.

Für Fragen und Beratung steht das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zur Verfügung: info@sexuelle-selbstbestimmung.de.

  • Tine

    Ein sehr berechtigtes Thema, es ist ein Unding, wie das Thema Schwangerschaftsabbruch illustriert wird – in Deutschland. Ich bin im medizinischen Bereich tätig und viel in Mittel- und Westeuropa unterwegs. Da ich mich viel für die reproduktive Selbstbestimmung engagiere, ist mir das schon vor Jahren aufgefallen, dass gerade in Deutschland es wohl ein spezielles Tabu ist.
    Abschreckender sind die USA, wo man aber eingestehen muss, dass dort Spätabtreibungen natürlich ein anderes Thema sind. Länder wie Tschechien mit einer traditionell liberalen Praxis überraschen, dass sie das Thema meist mit einer nachdenklichen/traurigen Frau illustrieren. Die Situation in Deutschland wurde im Beitrag ja schon beschrieben.
    Speziell und am ehrlichsten denke ist, ist der Umgang in der Schweiz. Wenn man sich Artikel zum Thema sucht, tauchen vor allem zwei Bilderstrecken auf. Eine ältere, welche die Vorbereitung des Eingriffs an einer Patientin zeigt, eine neuere (verwendet im besonders während der Diskussion um die Finanzierungsinitiative), bei der man regelrecht in Slow Motion die einzelnen Bilder der unterschiedlichen Medien zusammenfügen kann. Immer die gleiche Quelle, der Fotograf hat in einer Praxis zwei oder drei Frauen bei einem Abbruch begleitet. Natürlich werden Details des Eingriffs nicht gezeigt, ist ja auch logisch, weil da primäre Geschlechtsmerkmale der Patientin zu sehen wären – aber da, wiederum in der schweiz, gibt es einen über 10 Jahren alten Beitrag einer Gesundheitssendung, Abtreibung live. Warum ist der Umgang in der Schweiz so anders? Ich kann die Gründe nicht nachvollziehen. Warum kann man in Deutschland nicht ebenso das sachlich illustrieren?

    Übrigens, was Frau Händel sagt, da sollte man auch aufpassen. Es kursiert ja wieder von Seiten von Pro Choice eine (österreichische?) Aufnahme eines sehr frühen Abbruchs. Die ist wiederum auch nicht ehrlich, da in Deutschland Abbrüche eher später gemacht werden. Es ist ein Embryo, es ist ein Fötus. Und da sollte man weder Horrrobilder von Spätabbrüchen zeigen noch extrem seltene Abbrüche in der 5. Woche. Sondern eben das, was es ist. Weder dramatisieren, noch verharmlosen. Und aufgrund der Fakten kann sich jedeR eine Meinung bilden.

Leave Your Comment Here