DRAMA, BABY. DRAMA?

Eine junge Frau wurde ermordet, von einem ihrer Kommilitonen. Er entwickelte Gefühle für sie, welcher Art auch immer – sie nicht für ihn. Anstatt dies zu akzeptieren und zu respektieren, belog er sie, schnitt ihre Kehle durch und beendete ihr Leben. Auf so viele Weisen hat er sie entmündigt und ihr keinerlei Respekt entgegengebracht. Das Verbrechen wurde bereits im Sommer begangen, in Nordhausen. Am 15. Januar hat nun die Staatsanwaltschaft Mühlhausen beim Landgericht Anklage wegen Mordes erhoben und es wurde wieder lauter um den Fall. Dennoch blieb ein sogenanntes Medienecho bislang  aus. Woran liegt‘s?

 

Beziehung, Drama, Mord

Weil der Täter keinen Migrationshintergrund hat? Hätte er einen, es würde eine ziemliche Welle der Empörung mit sich ziehen und das Geschehnis bis in die politische Ebene fließen. War der Mord nicht brutal genug? Das ist ebenso als Argument kaum vorstellbar. Oder ist die Tat zu nah an sogenannten Beziehungstaten, die schlichtweg zu alltäglich sind? Ein solcher Vergleich mag für viele unangebracht wirken, da er die eingebildete fiktive Beziehung des Mörders zu der Frau bestärken würde.
Fakt ist aber, dass der Täter sich auf Grundlage seiner eigenen Gefühle das Recht herausnahm, über das Leben dieser Frau zu entscheiden. Denn wann hat eine solche Tat, in denen Frauen aus Rache, Eifersucht oder aus schlicht schwer kontrollierbaren Emotionen ihres Ehemanns, Partners, oder Ex-Freundes ermordet wurden, für eine zugespitzte Debatte über häusliche Gewalt oder das Frauenbild “unserer” Männer geführt? Es sind im Grunde nie “Beziehungstaten”, dieser Begriff ist in sich unsinnig. Diese Taten haben allein mit den Tätern und ihrem kaputten Weltbild, niemals etwas mit ihren Opfern, oder gar der Beziehung mit ihnen zu tun.

 

Ein Blick in die Presse

Wirft man einen Blick auf die Berichterstattung über den Fall, so ist das Ergebnis eher ernüchternd. Über die Anklage wegen Mordes an der Studentin wurde hauptsächlich in der Lokalpresse berichtet: Die Thüringer Allgemeine beispielsweise beschreibt  lediglich den Tathergang.

Gleiches gilt für den MDR und die FAZ. Nüchterne Berichterstattung: Ja, kritische Auseinandersetzung mit den Motiven: Nein.

 

Deutlich provokanter durfte es bei Tag24 zumindest bei der Schlagzeile sein, aber auch davon kann der Artikel hinsichtlich Reflexion nicht nähren. Hier war wohl eher clickbaiting statt Berichterstattung das primäre Ziel.

Die Bild-Zeitung macht in gewohnter Manier einen “Krimi” daraus, wobei der Eindruck entsteht, der Mord an einer jungen Frau sei mehr Unterhaltung als Straftat:

Erst der Täter, dann das Opfer

Diese Apathie gegenüber ermordeten Frauen* bei denen die Tätergruppe aus sich zurückgewiesenen Männern besteht, ist aber nicht der Regelfall in der deutschen Berichterstattung. Nach der Tat in Kandel, als ein Flüchtling seine Freundin ermordete, sah es ganz anders aus. Schnell wurden sogar Experteninterviews mit Psychologen geführt, um die Tat als Symptom eines systematischen Problems von geflüchteten Jugendlichen zu diskutieren.


Der Focus kommentierte sogar wie überregionale Medien “zögerten” zu berichten, wo das Thema doch so brisant ist:

Für den aktuellen Fall hat jedoch auch der Focus nur einen neutralen Bericht übrig:

Kein Einzelfall, kein Drama, sondern System

In Deutschland werden mit einer Regelmäßigkeit Frauen* durch ihren Partner, oder von Männern getötet, die sich durch die Frau* abgewiesen oder beleidigt fühlen.  Im Jahr 2015 lag die Ziffer bei 131, 2016 waren es 149 Frauen. Möglicherweise wird im Zuge der Urteilssprache dieser Fall erneut aufgegriffen und dieses Mal dann auch von den Redaktionen auf eine Weise diskutiert,die den Kontext dieser Tat miteinbezieht.
Mit viel Glück wird dann vielleicht auch über das sehr problematische Frauenbild “unserer” deutschen Männer und nicht nur über das der Flüchtlinge gesprochen, und der alte Artikel aus dem Sommer nicht nur kopiert und um zwei Sätze ergänzt. Schicksale von Frauen* sind keine Randnotiz, keine unterhaltsamen Krimis. Wir haben ein problematisches Geschlechterbild in Deutschland, nicht einzelne „Dramen“, und das muss endlich angesprochen werden, und das am besten noch vor dem nächsten Mord.

 

Autorin: Anna Schulze

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